Leben im Bedeutungsverlust
Die alten Eltern aus Olten,
Die Welten verwalten wollten,
Loben heut sich fürs Laben am Leben.
Wer muss abends noch oben sein? – Eben.
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten
Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.

Leben im Bedeutungsverlust
Die alten Eltern aus Olten,
Die Welten verwalten wollten,
Loben heut sich fürs Laben am Leben.
Wer muss abends noch oben sein? – Eben.

Was denkt das Haus am Donnerstag?
Ripostegedicht auf
„Was denkt die Maus am Donnerstag?“ von Josef Guggenmoos
Was denkt das Haus am Donnerstag,
am Donnerstag,
am Donnerstag?
Dasselbe wie an jedem Tag,
an jedem Tag,
an jedem Tag – und selbst das beginnt zu schwinden!
„Wer sind die Leute?“, „Wo bin ich?“
„Dies Spiegelbild da, kenn ich nich!?“
„Wird mir gerade Geld gestohlen?“
„Wann kommt wer, um mich abzuholen – und wird er mich hier finden?“
Das denkt das Haus an jedem Tag,
am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag
und jeden Tag,
und jeden Tag:
„Da kommen Mutter und Papa!
Wie war’s im Grab – gefiel’s euch?“
Sie schenken mir zum 90sten ein lang vermisstes Spielzeug.
Die Katz, die ich als Kind besaß,
Schnurrt hier auf meinem Schoß.
Mein Orientierungssinn ist klein – und diese Welt zu groß!
Noch gibt’s eine Vergangenheit –
Sie schwimmt hier rum in Fetzen,
Bewahrt ’nen Rest Verbindlichkeit vor hundertausend Jetzen.
Das denkt das Haus am Donnerstag,
Manch Donnerstag heißt Mittwoch.
„Ganz sicher klingelt gleich Besuch!“
Doch folgt auf jeden Schritt Loch
um Loch um Loch um Loch …
Ach, wäre ich, ach, würd ich bloß
Wie eine Katze riesengroß!
Dann könnte Löcher, Haus und Hof ich einfach überblicken!
Doch so umströmt mich Wirrwarr nur – und nirgends gibt es Brücken.

Möbliert
Ich seh in manchen unsrer Möbelstücke
Noch den Wunsch nach ’nem stilvollen Leben.
Doch mangelte hierzu es zu oft am Glücke,
Galt’s das Kleinod in Großtrott zu weben.
Unser Glaube, wir könnten viel größer sein,
Ward von Opfern wie diesen gepflegt.
Sie ragen hervor, aber wir blieben klein –
Hab’n die Möbel dann nicht mehr bewegt.
Doch wie gern seh dich – nicht ganz ohne Stolz –
Vor dem edlen Designregal sitzen.
Wir werd’n aus betrübter Erinn’rung – was soll’s!? -,
Uns etwas Zufriedenheit schnitzen!

Rückzugsort für Unverdrossene
Den Kopf voll Versagen, die Haut voller Zecken,
Ein Garten, in dem sich Triumphe verstecken –
Das sind alles sehr zarte Pflänzchen!
Im Stolz, was zu wagen, sich selbst überschätzen.
Als Stammgast begrüßt auf den hinteren Plätzen.
Doch immer noch Bock auf ein Tänzchen …
Natürlich, da gäb es noch recht viel zu sagen –
Nur müssen wir das auf ein Später vertagen,
Da die Welt eh gefüllt ist von Zeilen!
Für bislang Erlebtes: poetische Faxen.
Doch erstmals kann ernsthaft aus Erde was wachsen,
Wenn Rentner in Gärten verweilen.

Sie knien unser Lied
Bei uns vererbt der Knieschmerz sich
Vom Vater auf den Sohn.
Kaum springt man auf die Paarundfünfzig,
Verspürt man diesen schon.
Fortan wird man sich Nacht für Nacht
Zur Schlafbereitschaft zwingen.
Generationen könn’n durchwacht
Da unser Lied von singen.

Der Duft der Blumenläden
Der Blumengeschäftduft erinnert mich
An nah’nden Kaffee plus Torte,
An trauerkranzbindende Hilflosigkeit,
Ans Finden mauer Worte.
Der Blumengeschäftduft erinnert mich
An Dunst überm Aquarium
Im Mischmasch wunder Blüten,
An „Denk bitte jetzt nicht ans Geld, Kerl!“-Konsum,
Den Anlass zu vergüten.
Der Duft im Blumenladen wollt‘
Stets Auftakt sein zum Feste.
Ob heit’ren Sinns, ob scharf durchmollt –
Wir wurden mit ihm Gäste.
Und aromatisch schält sich aus:
Der Anlass für den Blumenstrauß.
Mir bleibt’s eine besond’re Luft –
Der Blumenläden eigne Duft.

Reiseandenken
Der Wirt zieht schon die Betten ab
Von meinem Herbergszimmer.
Was es noch einzupacken gab,
Benötige ich nimmer.
Mit schweren Koffern voller Leere
Begeb ich mich auf Reise.
Obschon ich vom Vergang’nen zehre –
Die Übernachtungspreise
Zahlen sich nicht mehr wie dazumal aus.
Und irgendwann bleibt man vermutlich zu Haus.

Den Nachrückenden
Jeder Änderungswunsch wird mich nicht mehr betreffen.
Du schreist: Es wird Zeit für die Jungen!
Ich bin für dein Scheitern, mich nachzuäffen,
Doch zeitig zur Seite gesprungen?!
Wollte alles mit Unaufgeregtheit beseh’n –
In Hoffnung auf halbwegs vererbtes Versteh’n.
Nun ist der neue Abstand dir noch nicht genug.
Du schreist: Es braucht Platz für die Jungen!
Man schießt längst gestrandeten Schiffen vors Bug –
Das alles wirkt sehr sehr gezwungen.
Willst du’s nicht mal weniger aufgeregt seh’n
Auf ein Stündchen Lektüre Geerbtes Verstehn?
Ich wünsch nach dem Nachäffen weitere Schritte:
Zeit wird’s für’s Erschaffen von eigenem Platz!
Ja, einen der mich wirklich altfühl’n lässt, bitte –
Ich warte auf originären Rabatz!
Deine Kühnheit bewahr fürs Kreieren statt Erben!
Für solch einen Move, hey, da könnt ich glatt sterben!

Tattoos auf der Demenzstation
Tattoos auf der Demenzstation –
Etwas, was mich als Baby verwirrte.
Doch kurz darauf begann’s auch schon:
In allen Hospizen – nur noch Tätowierte!
Glaub mir, mein Junge, schon bald werd’n die Alten
Nur Tattoos an sich und von früher behalten
Und nicht drauf komm’n: „Was galt mir einst
Das Bildmotiv, der Spruch, die Zahl?“
Bald merkt sweet Lynn, wie sie karl-heinzt –
Gezeichnet vom Ich war einmal.

Vermächtnis eines Helden
Bezahlt den Maler meiner Gemälde besser als den letzten!
Weil mir die jüngsten Jahre manches gute Mal zerfetzten.
Die Umstände erfrechten sich, mein Ruhen kraus zu streichen –
Im fast entleerten Wartesaal sitzt nur noch mein Erbleichen.
Ich richte meine Zukunft ein
Als Farbstrich von Gemälden
Vom armen Pinselborstenschwein –
Vermächtnis eines Helden.
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