Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Alter, Tod & Abschied

Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.


  • Lichtgestalten & das zweitausendneunhundertachtzehnte Gedicht

    Showact beim Kleinen Fest in Hannover

    Alte Szenegrößen

    Wenn ich etwas vermissen dürfte …

    Dann wie ich einst mösigen Rebensaft schlürfte,
    Als die Hitze des Tages sich im Fahrtwind verlor –
    Und am Morgen kroch sie unterm Bettzeug hervor.

    Gell, das waren verdammichnoma wilde Zeiten!
    Auch wenn das die Fotos von früher bestreiten.
    Und wir hätten, ganz sicher, nie ein „Gell“ uns erlaubt –
    Zu niedlich, zu südlich und, Kerl, überhaupt:
    Wir waren Giganten in unsren Geschichten!
    Dann ward man gewahr, dass die Haare sich lichten …

    Doch manch Konvention blieb mit „Niemals!“ beflaggt
    Und was wir uns glaubten, das war für uns Fakt!
    Wir sprengten die Grenzen mit unsrem Benehmen,
    Wir war’n in der Endlichkeit nicht mehr zu zähmen –
    Wir machten einander uns selber zum Star!

    Nun, der Catwalk ist weg. Aber wir sind noch da.


  • Lagos & das zweitausendneunhundertzehnte Gedicht

    Am Praça Gil Eanes in Lagos

    40 Jahre später

    Ich war an meinen 18-jähr’gen Unfugtaten nippen,
    Konnt abermals zu old Bob Marley’s Reggaetakten wippen –
    In alldem voll von Sehnsucht.

    Da sah ich mich in Ödnis zelten
    Und Währungen, die nicht mehr gelten –
    In den’n man sein Vergeh’n bucht.


  • Brückeninnern & das zweitausendneunhundertste Gedicht

    Brücke über die Aare

    Leben im Bedeutungsverlust

    Die alten Eltern aus Olten,
    Die Welten verwalten wollten,
    Loben heut sich fürs Laben am Leben.
    Wer muss abends noch oben sein? – Eben.


  • Slam Olten Jubiläum & das zweitausendachthundertneunundneunzigste Gedicht

    Slam Olten Bühne in der Schützi

    Was denkt das Haus am Donnerstag?
    Ripostegedicht auf „Was denkt die Maus am Donnerstag?“ von Josef Guggenmoos

    Was denkt das Haus am Donnerstag,
    am Donnerstag,
    am Donnerstag?
    Dasselbe wie an jedem Tag,
    an jedem Tag,
    an jedem Tag – und selbst das beginnt zu schwinden!
    „Wer sind die Leute?“, „Wo bin ich?“
    „Dies Spiegelbild da, kenn ich nich!?“
    „Wird mir gerade Geld gestohlen?“
    „Wann kommt wer, um mich abzuholen – und wird er mich hier finden?“

    Das denkt das Haus an jedem Tag,
    am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag
    und jeden Tag,
    und jeden Tag:

    „Da kommen Mutter und Papa!
    Wie war’s im Grab – gefiel’s euch?“
    Sie schenken mir zum 90sten ein lang vermisstes Spielzeug.
    Die Katz, die ich als Kind besaß,
    Schnurrt hier auf meinem Schoß.
    Mein Orientierungssinn ist klein – und diese Welt zu groß!
    Noch gibt’s eine Vergangenheit –
    Sie schwimmt hier rum in Fetzen,
    Bewahrt ’nen Rest Verbindlichkeit vor hundertausend Jetzen.

    Das denkt das Haus am Donnerstag,
    Manch Donnerstag heißt Mittwoch.
    „Ganz sicher klingelt gleich Besuch!“
    Doch folgt auf jeden Schritt Loch
    um Loch um Loch um Loch …

    Ach, wäre ich, ach, würd ich bloß
    Wie eine Katze riesengroß!
    Dann könnte Löcher, Haus und Hof ich einfach überblicken!
    Doch so umströmt mich Wirrwarr nur – und nirgends gibt es Brücken.


  • Homeoffice Krupp & das zweitausendachthundertachtundneunzigste Gedicht

    Schreibtisch in der Villa Hügel

    Möbliert

    Ich seh in manchen unsrer Möbelstücke
    Noch den Wunsch nach ’nem stilvollen Leben.
    Doch mangelte hierzu es zu oft am Glücke,
    Galt’s das Kleinod in Großtrott zu weben.

    Unser Glaube, wir könnten viel größer sein,
    Ward von Opfern wie diesen gepflegt.
    Sie ragen hervor, aber wir blieben klein –
    Hab’n die Möbel dann nicht mehr bewegt.

    Doch wie gern seh dich – nicht ganz ohne Stolz –
    Vor dem edlen Designregal sitzen.
    Wir werd’n aus betrübter Erinn’rung – was soll’s!? -,
    Uns etwas Zufriedenheit schnitzen!


  • Wendeschleife Bredeney & das zweitausendachthundertsiebenundneunzigste Gedicht

    Mohn in der Wendeschleife Bredeney

    Rückzugsort für Unverdrossene

    Den Kopf voll Versagen, die Haut voller Zecken,
    Ein Garten, in dem sich Triumphe verstecken –
    Das sind alles sehr zarte Pflänzchen!

    Im Stolz, was zu wagen, sich selbst überschätzen.
    Als Stammgast begrüßt auf den hinteren Plätzen.
    Doch immer noch Bock auf ein Tänzchen …

    Natürlich, da gäb es noch recht viel zu sagen –
    Nur müssen wir das auf ein Später vertagen,
    Da die Welt eh gefüllt ist von Zeilen!

    Für bislang Erlebtes: poetische Faxen.
    Doch erstmals kann ernsthaft aus Erde was wachsen,
    Wenn Rentner in Gärten verweilen.


  • Ruhpoldinger Fohlen & das zweitausendachthundertfünfundneunzigste Gedicht

    Aussicht in Ruhpolding Dorf

    Sie knien unser Lied

    Bei uns vererbt der Knieschmerz sich
    Vom Vater auf den Sohn.
    Kaum springt man auf die Paarundfünfzig,
    Verspürt man diesen schon.
    Fortan wird man sich Nacht für Nacht
    Zur Schlafbereitschaft zwingen.
    Generationen könn’n durchwacht
    Da unser Lied von singen.


  • Gmundner Rathaus & das zweitausendachthundertneunzigste Gedicht

    Gmudner Rathaus

    Der Duft der Blumenläden

    Der Blumengeschäftduft erinnert mich
    An nah’nden Kaffee plus Torte,
    An trauerkranzbindende Hilflosigkeit,
    Ans Finden mauer Worte.

    Der Blumengeschäftduft erinnert mich
    An Dunst überm Aquarium
    Im Mischmasch wunder Blüten,
    An „Denk bitte jetzt nicht ans Geld, Kerl!“-Konsum,
    Den Anlass zu vergüten.

    Der Duft im Blumenladen wollt‘
    Stets Auftakt sein zum Feste.
    Ob heit’ren Sinns, ob scharf durchmollt –
    Wir wurden mit ihm Gäste.

    Und aromatisch schält sich aus:
    Der Anlass für den Blumenstrauß.

    Mir bleibt’s eine besond’re Luft –
    Der Blumenläden eigne Duft.


  • Chiemseeblick & das zweitausendachthunderteinundachtzigste Gedicht

    Blick von der Kampenwand auf den Chiemsee

    Reiseandenken

    Der Wirt zieht schon die Betten ab
    Von meinem Herbergszimmer.
    Was es noch einzupacken gab,
    Benötige ich nimmer.

    Mit schweren Koffern voller Leere
    Begeb ich mich auf Reise.
    Obschon ich vom Vergang’nen zehre –

    Die Übernachtungspreise
    Zahlen sich nicht mehr wie dazumal aus.

    Und irgendwann bleibt man vermutlich zu Haus.


  • Strip & das zweitausendachthundertsiebenundsiebzigste Gedicht

    Ausschnitt aus Gerhard Richter. 100 Werke für Berlin. Neue Nationalgalerie

    Den Nachrückenden

    Jeder Änderungswunsch wird mich nicht mehr betreffen.
    Du schreist: Es wird Zeit für die Jungen!
    Ich bin für dein Scheitern, mich nachzuäffen,
    Doch zeitig zur Seite gesprungen?!
    Wollte alles mit Unaufgeregtheit beseh’n –
    In Hoffnung auf halbwegs vererbtes Versteh’n.

    Nun ist der neue Abstand dir noch nicht genug.
    Du schreist: Es braucht Platz für die Jungen!
    Man schießt längst gestrandeten Schiffen vors Bug –
    Das alles wirkt sehr sehr gezwungen.
    Willst du’s nicht mal weniger aufgeregt seh’n
    Auf ein Stündchen Lektüre Geerbtes Verstehn?

    Ich wünsch nach dem Nachäffen weitere Schritte:
    Zeit wird’s für’s Erschaffen von eigenem Platz!
    Ja, einen der mich wirklich altfühl’n lässt, bitte –
    Ich warte auf originären Rabatz!
    Deine Kühnheit bewahr fürs Kreieren statt Erben!
    Für solch einen Move, hey, da könnt ich glatt sterben!


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


Gedichte/Fotos ausgewählter Tourstationen:

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